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Interview mit Bayern 3 vom 20.07.2011

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Bayern 3: „Es ist ein Kampf ums nackte Überleben. Die Menschen in Somalia kennen Trockenheit und Dürre, aber diesmal ist es schlimmer als je zuvor. Das Vieh verendet qualvoll. Auf den Feldern wächst nichts, wirklich gar nichts mehr. Die wenigen Lebensmittel, die es noch gibt sind unbezahlbar. Wir sprechen von einer unfassbaren Zahl: von elf Millionen Menschen. elf Millionen in Ostafrika brauchen dringend Hilfe. Mathias Weber ist Somalia-Experte und beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Problemen dort. Er hat auch viele Bekannte und Freunde in Somalia. Herr Weber, was berichten Ihnen die Menschen von dort? “

Mathias Weber: „Vor allem ältere Somalis berichten, dass es immer mal wieder Dürre-Katastrophen in Somalia gegeben hat. Etwa alle 10 Jahre kam so etwas vor. Aber in den vergangenen 10 Jahren kam es nun schon zu sechs Dürren.“

Bayern 3: „Wie müssen wir uns das Leben in Somalia überhaupt vorstellen?“

Mathias Weber: „Die Somalis sind vor allem Nomaden und ziehen mit ihren Vieh-Herden von Wasserstelle zu Wasserstelle. Ein anderer Teil der Bevölkerung lebt als Bauern. In den fruchtbaren Gebieten werden Felder bestellt. Der Rest der Somalis lebt in Städten. Durch diese Dürre ergibt sich jetzt das Problem, dass die Nomaden an den Wasserstellen kein Wasser mehr vorfinden. Ihre ganzen Tiere sterben und damit entfällt die Lebensgrundlage der Nomaden.“

Bayern 3: „Sie haben zusammen mit einem Kollegen, der aus Somalia stammt, mehrere Bücher geschrieben, unter anderem „Kein Frieden für Somalia?“. In diesem Land herrscht seit über 20 Jahren Bürgerkrieg. Was ist das große Problem?“

Mathias Weber: „Das Problem ist vor allem, dass die Somalis eine Clan-Gesellschaft sind. D.h. die Somalis fühlen sich ihrem Clan verpflichtet und nicht dem Staat. Vor 20 Jahren wurde der Diktator Siad Barre gestürzt. In den Jahren danach haben die Clans dann um die Macht gekämpft und wollten Einfluss gewinnen. So haben sie sich gegenseitig in wechselnden Allianzen immer wieder bekriegt. Obwohl dutzende von Friedenskonferenzen stattfanden, die auch vom Ausland vermittelt wurden, konnte sich kein neuer Staat herausbilden. Die Regierung, die eingesetzt wurde, kann nur über ganz bestimmte Gebiete ihre Macht ausüben. So ist der Staat in sich verfallen. “

Bayern 3: „Jetzt wird ja vor allen Dingen der Süden schon länger von der radikal-islamischen Al Shabaab Miliz kontrolliert, die bisher jegliche Hilfe verweigert hat, aber vor 2 Wochen endlich gesagt hat „wir brauchen Hilfe, kommt bitte“.“

Mathias Weber: „Al Shabaab hat das Problem extrem verschärft. Vor zwei Jahren wurden alle westlichen Hilfsorganisationen aus dem Land vertrieben. Teilweise wurden auch Helfer umgebracht und bedroht. Die Hilfsstrukturen in Somalia sind nicht mehr vorhanden, da die Weltgemeinschaft sich zurückgezogen hatte.“

Bayern 3: „Aber kann man jetzt hoffen, dass die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen wirklich in Ruhe arbeiten können und nicht von der Miliz angegriffen werden?“

Mathias Weber: „Die Führung von Al Shabaab hat jetzt verkündet, dass Hilfe genehmigt wird. Aber sie haben natürlich nicht alle lokalen Gruppen im Griff, deshalb wird es für die Helfer extrem schwierig und extrem gefährlich sein, vor Ort Hilfe zu leisten. Das Rote Kreuz möchte jetzt 10 Hilfszentren in Mogadishu aufbauen. Dort sind Soldaten der Afrikanischen Union stationiert, die die Mitarbeiter schützen können. “

Bayern 3: „Was meinen Sie, was müssten wir noch tun, um den Menschen in Somalia zu helfen? Trotz Dürre, trotz Bürgerkrieg ein halbwegs normales Leben zu führen?“

Mathias Weber: „Ganz wichtig ist, dass Somalia befriedet werden muss. Staatliche Strukturen müssen aber unbedingt von unten aus aufgebaut werden. Ich denke eine Lösung für Somalia wird es nur geben, wenn lokale Strukturen vor Ort gestärkt werden. Vor Ort müssen Schulen geöffnet und Gesundheitszentren aufgebaut werden. Außerdem muss man den Somalis eine Lebensgrundlage bieten. Das ist ja auch das Problem warum so viele Bürger die islamistische Al Shabaab unterstützen. Sie erhalten Lebensmittel und teilweise wird ihnen auch Lohn gezahlt. Viele haben einfach keine andere Wahl. Deswegen muss man den Staat von lokaler Ebene aus neu aufbauen.“

Bayern 3: „Und mit internationaler Hilfe, auch das ist klar.

Somalia-Experte Mathias Weber in Bayern3. Durch 20 Jahre Bürgerkrieg und die furchtbare Dürre spielt sich dort gerade eine unvorstellbare Hungerkatastrophe ab. Tausende Somalias sind täglich auf der Flucht, die meisten nach Dadaab in Kenia, ins größte Flüchtlingslager der Welt – wenn sie dort ankommen. Jedes zweite Kind stirbt auf der Flucht, da müssen wir nicht mehr viel reden, da müssen wir einfach nur helfen. Das können Sie tun.“


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